In 19 Stunden durch den Odenwald

Für die Krebsforschung legte Reinhard Liebers auf dem Fahrrad über 10.000 Höhenmeter zurück

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung

Tobias Scharte (l.) und Reinhard Liebers in Zwingenberg

Von Christoph Ziemer Rhein-Neckar-Zeitung

Heidelberg. Alles begann mit einem alten Straßen-Rennrad. Ein Onkel vermachte es Reinhard Liebers vor ein paar Jahren. Der heute 33-Jährige, der bis dahin eigentlich lieber kletterte, war sofort mit dem Rad-Virus infiziert. Immer öfter benutzte der gebürtige Kölner seinen fahrbaren Untersatz. Mit einer App überprüft er seitdem regelmäßig, wie viele Kilometerer zurücklegt. „Ich schaue schon ganz gerne, was ich auf dem Rad leiste“, gibt der wissenschaftliche Koordinator am „Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen“ zu.
Mehrmals in der Woche sitzt der promovierte NCT-Mitarbeiter auf dem
Drahtesel und spult seine Kilometer ab. Im Sommer wie im Winter. In der kalten Jahreszeit schraubt Liebers in seiner Wohnung einfach seinen Hinterreifen ab, montiert sein Rad auf die Rolle und kann auch in den eigenen vier Wänden in die Pedale treten. „Ich bin aber trotzdem ein
Sommerfahrer“, sagt Liebers. Sein bevorzugtes Jagdrevier: Der Odenwald.
„Generell eignen sich sehr viele Strecken rund um Heidelberg hervorragend zum Radeln. Aber der Weiße Stein und Odenwald
gefallen mir besonders gut.“
Irgendwann kam ihm dabei die zündende Idee: Einmal einen Everest-Lauf zu fahren, dazu noch für einen guten Zweck. Bei dieser Variante des Radsports müssen mindestens 8848 Höhenmeter zurückgelegt werden – auf nur einer vorher klar definierten Strecke. Er habe sich spontan an diese Idee herangetastet, sagt Liebers, der nun schon seit elf Jahren in Heidelberg wohnt: „Am Anfang habe ich das selbst für unrealistisch gehalten. Es ist eine Grenzerfahrung, du kannst dir nie zu 100 Prozent sicher sein, ob du das schaffst. Ich habe mich da spontan herangetastet.“

Nach der geglückten Premiere am Weißen Stein nahm Reinhard Liebers letzten Samstag sein eigentliches Ziel in Angriff: Einen Parcours in Zwingenberg.
Ein perfektes Areal für den Everest-Versuch, findet der Extremsportler: „Mit meinen Freunden bin ich schon viele hundert Kilometer durch den Odenwald gefahren. Zwingenberg ist perfekt: Die Strecke ist schattig, gut zu erreichen und mit der malerischen Kulisse auch noch sehr idyllisch gelegen.“
Gemeinsam mit seinem Kletter- und Radfreund Tobias Scharte (42) stieg Liebers am Samstagmorgen um kurz vor fünf in den Sattel. Es sei noch dunkel gewesen, erinnert sich der Kölner: „Uns haben Rehe und Hasen dabei zugeschaut, wie wir noch mit Licht unterwegs waren. Der Sonnenaufgang war ein Traum!“ Die Zeit, die danach kam, weniger. Insgesamt 19 Stunden war das Duo ohne Pause im Odenwald unterwegs, davon 17:40 Stunden im Sattel. Wie hält man so etwas durch?
Wenn man zu zweit unterwegs sei, erleichtere das die Dinge ungemein, findet Liebers: „Die mentale Herausforderung ist groß. Du darfst nicht zu lange mit dem Essen warten, sonst bist du schnell unterzuckert.
Die Hitze macht einem zu schaffen. Und wenn es dunkel ist, wird es recht
schnell kalt im Wald. Das kann schon sehr zermürbend sein; man muss sich da irgendwie durchbeißen.“ Die beiden Freunde waren kurz vor Mitternacht fertig. 10060 Höhenmeter legten sie über 260 Kilometer zurück und verbrannten dabei 14400 Kalorien – deutlich mehr als bei einer Etappe der Tour de France. Isotonische Getränke, Tee und Säfte waren dabei ebenso hilfreich wie Brot, Bananen und zwei Bleche mit Pizzen.

Tobias Scharte (l.) und Reinhard Liebers in Zwingenberg

Den größten Sieg feierte das Duo aber abseits der Strecke. Denn das Everesting war verknüpft mit einer privaten Spendenaktion.
Dort sammeln NCT-Mitarbeiter Geld für die Krebsforschung, aber auch für die Forschungsprojekte der Pflege von Krebs-Patienten vor Ort. Von
der Resonanz war Reinhard Liebers überwältigt. Mit knapp 1.000 Euro hatte der Radler eigentlich kalkuliert, inzwischen sind schon mehr als 2.000 Euro zusammengekommen. „Familie und Freunde haben gespendet, aber auch Wildfremde“, freut sich Liebers, der auf weitere Wohltäter hofft: „Wir lassen die Aktion daher gerne noch ein bisschen laufen. “Ein Arbeitskollege plant demnächst ebenso einen Spendenlauf für einen guten Zweck.
Sein altes Rennrad hat Reinhard Liebers inzwischen weitergegeben.
Wie lange es dauert, bis auch der neue Besitzer vom Rad-Virus infiziert wird, ist allerdings noch offen.
Infos: www.tinyurl.com/hoehenmeter